2009 neigt sich mit Riesenschritten dem Ende entgegen, und wir werden im Fernsehen, im Internet und in den Zeitungen mit Jahresrückblicken überhäuft, die uns an das erinnern, was gerade erst aus dem Kurzzeitgedächtnis in den Festplattenspeicher unseres Gehirns verschoben wurde. Höchste Zeit also auch für den Blogautor, sich die Ereignisse des Jahres ins Gedächtnis zu rufen, und deshalb gibt es ihn nun auch auf News aus Irland: Den ultimativen Jahresrückblick auf 2009, allerdings sehr persönlich, rein subjektiv und ohne Anspruch auf jedwede Vollständigkeit.
Den Titel dieses Rückblicks habe ich mir im Übrigen bei der großartigen deutschen Rockformation BAP ausgeliehen ;-)
Jänner 2009: Die Zusammenführung einer Familie
Nachdem ich ja die ersten Monate alleine in Irland verbracht habe, war es Ende 2008 soweit, und ich konnte Frau, Kind und Hund endlich nach Irland nachholen. Am Silvestertag 08 sind wir nach 2000 Kilometer Autofahrt todmüde aber glücklich in Blessington angekommen. Bereit, einen neuen Lebensabschnitt gemeinsam zu beginnen. Zwar hat mal wieder die Heizung in unserem alten Haus nicht funktioniert, dennoch haben wir es uns am ersten Silvesterabend in Irland gleich mal gemütlich gemacht. Auch gleich mit Gästen.
Die ersten Jännerwochen waren begleitet von der Einschulung unseres Sohnes in der Blessington Educate Together National School – für ihn im Nachhinein betrachtet der optimale Start ins irische Schulleben.
Weltweit stand der Jänner im Zeichen des “Changes”. Barrack Obama wurde als neuer Präsident der USA angelobt, und in Rezessionszeiten stellte er einen Hoffnungsschimmer dar und wurde mit vielen Vorschusslorbeeren an den Start geschickt. Viele der Hoffnungen haben sich bis heute allerdings nicht bewahrheitet. Die Aufstockung des Soldatenkontingentes in Afghanistan spricht Bände.
In Irland ist es ein trister Monat. Die Arbeitslosigkeit und die Verzweiflung der Menschen steigen. Und die Politik lässt Gegenmaßnahmen vermissen. Auch ein Umstand, der im Laufe des Jahres nicht wirklich verändert wurde.
Februar 2009: Im Wandel
Meine Frau startet Anfang Februar ihren ersten Job in Irland. Am ersten Arbeitstag gleich mal mit Verspätung, weil die Schneemassen den Laneway von unserem Haus rauf unpassierbar machen. Überhaupt gibt es gröbere Verkehrsprobleme durch den ungewohnt vielen Schnee, die Kinder haben im Februar sogar eine zusätzliche Woche schulfrei, weil der Schulbus nicht fahren kann. Auch für mich gibt es beruflich den ersten Wechsel. Der Arbeitgeber, für den ich nach Irland umgesiedelt bin, ist insolvent. Zum Glück aber habe ich nach nur einer Woche einen neuen Job. Trotz der Rezession. Und die ganze Familie lebt sich in Irland sehr gut ein. Das ist das Wichtigste.
In Irland kommt es zu ersten gröberen Streikmassnahmen der Staatsbediensteten. Ein langer Prozess der Pfründesicherung hat hier seinen Ausgangspunkt. Und dieser Prozess dauert nach wie vor an. Bord Gais bietet Strom an, und macht dem Platzhirschen ESB Konkurrenz. Bis heute sind rund 250.000 Menschen von der ESB weg. Dem Preisniveau kann es nur gut tun. Brian Lenihan wird erstmals 2009 öffentlich zum Rücktritt aufgefordert, und wir diskutieren in den Blogs über die Tötung von 80 Stück Wild im Phoenix Park.
März 2009: Der Umzug
Ende März steht für uns der Umzug ins neue Heim in Ballyknockan auf dem Programm. Nach relativ kurzer Suche haben wire in schönes und bezahlbares Haus gefunden, in dass wir am 21. März einziehen. Dank der tollen Hilfe beim Umzug schaffen wir es an nur zwei Tagen, das neue Domizil bewohnbar zu machen. Und der Griller läuft zum ersten Mal auf Hochbetrieb. Wir beginnen unsere Querelen mit Eircom, die irgendwie bis heute andauern, und finden im neuen Heim erstmals so richtig die Zeit, das Leben hier auf der Insel zu genießen. Ach ja, und Anfang März feiert meine Frau ihren ersten Geburtstag in Irland.
Die “Mama” Ruth Drexel stirbt im März 2009, und diese Nachricht berührt irgendwie. Es sollte nicht der letzte “prominente” Todesfall des Jahres bleiben, jedoch wird sie in vielen Rückblicken verschwiegen – keiner weiß warum. In Irland sagen die Wirtschaftsforscher karge Jahre voraus, und in Nordirland stirbt erstmals seit 1997 wieder ein Police Officer bei der Ausübung seiner Arbeit. Der schwelende Konflikt droht wieder aufzufachen.
Brian Cowen wird ungewollt zum Kunstobjekt, und Irland gewinnt den Six Nations Cup im Rugby. Und U2 veröffentlichen mit großem Mediengetöse ihr neues, schwaches Album “No Line on the Horizon”.
April 2009: Einleben und mein neuer Job
Der April stand für uns eindeutig im Zeichen des Einlebens in unserem neuen Domizil. Wir haben es uns gemütlich eingerichtet, und desöfteren Gäste zum Grillen und zur Übernachtung in unserem Gästezimmer begrüßen können.
Arbeitsmäßig habe ich im April ein Angebot bekommen, dass ich nicht ausschlagen konnte. Und deshalb habe ich berufsmäßig einen Wechsel vollzogen, den ich bis heute nur sehr selten bereut habe. Und eine sehr spannende Zeit im Hinblick auf mein Berufsleben nahm in diesem Monat ihren Ausgangspunkt.
Was hatte der April sonst noch zu bieten? Die ersten erschütternden Details des systematischen Missbrauchs von Kindern seitens der irischen Kirche wurden publik, ein Ire wurde als mutmasslicher Verschwörer in Bolivien erschossen (hat man davon eigentlich jemals wieder was gehört?) und es herrscht sommerliches Prachtwetter. Die Arbeitslosenzahlen steigen langsam aber sicher ins unermessliche, und es fehlt noch immer an Gegenmaßnahmen.
Mai 2009: Ruhe kehrt ein
Der Mai war für uns ein ruhiger Monat. Persönlich war die Suche nach einer geeigneten Secondary School für unseren Sohn das Aufregendste. Und wir sind auch jetzt noch der Meinung, dass wir eine gute Auswahl getroffen haben. Er übrigens auch.
Im Blog gibt es interessante Diskussionen mit einer Ostdeutschen, die mich wegen “verweigerter Hilfe” bezüglich des Euromillionen-Spiels gleich mit Hitler auf eine Stufe stellt. Irland steuert weiter nahezu unregiert dem Chaos entgegen, und randalierende Fußballfans töten einen unschuldigen Mann.
Juni 2009: Wahlmonat
Das letzte Monat Primary School für unseren Sohn, und nach kurzer Zeit schon Abschied nehmen von einigen Freunden, die es in andere Schulen verschlägt. Für ihn beginnen die Ferien, für uns die Zeit, in der wir ihn zum ersten Mal wirklich längere Zeit alleine lassen müssen daheim. Und er macht seine Sache sehr gut. Und ach ja, wir bekommen leihweise von unseren tollen Nachbarn zwei Pferde zum Rasenmähen geborgt.
Irland wählt, und die Fianna Fail erhält die erwartete Abfuhr. Aber sie hören die Zeichen nicht, und kleben noch immer an den Sesseln. Bis heute. Ablaufdatum erreicht, aber nicht veröffentlicht.
Michael Jackson stirbt unerwartet, und ich besuche mein erstes Konzert in Irland, als AC/DCs Rock N’ Roll Train über Punchestown rauscht.
Juli/August 2009: Der Sommer in Irland
Die Arbeitsstelle meiner Frau wird leider mehr oder weniger wegrationalisiert, ansonsten war es aber ein beschaulicher und schöner Sommer. Das Wetter war großteils okay, und es hat für einige schöne Ausflüge sowie für einen dreiwöchigen Heimaturlaub vom Filius gereicht. Und bei mir wurde es leider Zeit für ein “neues” Auto, weil mein toller Passat Kombi den Geist aufgabe. Also flugs umgestiegen auf die normale Passat-Variante.
Außerdem konnte ich im August meinen Geburtstag mit vielen lieben Freunden hier bei uns daheim feiern – ein wunderschöner Tag.
Und Besuch von der Schwiegermutter haben wir auch bekommen - das war eine sehr schöne Zeit.
In Irland beginnt das Werben um ein “Ja” zum Vertrag von Lissabon. Mittlerweile wissen wir, dass die Abstimmung beim zweiten Mal besser verlaufen ist.
Und auch dieser Blog wandelt sich etwas und wendet sich verstärkt persönlichen Themen zu. Die tagesaktuelle Berichterstattung überlasse ich lieber anderen, die das besser können, mehr Zeit haben und einen besseren Einblick in die Materie.
September 2009: Schulbeginn again
Unser Sohn startet in die Secondary School. Wir in den Herbst (nicht den des Lebens, sondern den des Jahres). Wir gewöhnen uns mittlerweile ans irische Essen, haben einen Großteil der notwendigen Lebensmittel zum Kochen irgendwo aufgetrieben (gar nicht so leicht wie man denken sollte) und bekommen den Rest via Care-Paket aus der alten Heimat.
Der Moderator P verabschiedet sich aus dem Irlandforum, und dieses verliert in etwa zeitgleich auch etwas an Reiz, weil sich viele Irland-Erfahrene leider sehr zurückhalten mit ihrer Meinung. Besserung erhofft.
Über Irland hält der Herbst Einzug, politisch als auch wettermäßig.
Oktober 2009: Ein Ja, ein unerwarteter Todesfall, Schweinegrippe und Halloween
Die beherrschenden Themen des Oktobers: Irland sagt Ja beim Lisbon Treaty, Boyzone-Sänger Steven Gateley stirbt, die Angst vor der Schweinegrippe geht um, und es regieren wieder kurzfristig die Kürbisse.
Meine Frau startet ihre Mitarbeit an einem Firmenprojekt, welches auch bis Ende November andauert, bevor sie ihren neuen tollen Job antreten kann.
Und dieser Blog feiert – unglaublich aber wahr – seinen ersten Geburtstag.
November 2009: Not qualified
Dank eines Handspiels von Henry verpasst Irland die Chance, bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika teilzunehmen. Nun gut, nicht nur deshalb, aber ein ganzes Volk übt sich dennoch einige Tage in kollektivem Wehklagen und Frankreich-Hass.
Die Flut sucht Irland heim, und auch wir bekommen unerwartete Probleme mit den Wassermassen. Und sind kurzfrisig sogar regelrecht von der Umwelt abgeschnitten.
Dezember 2009: Adventszeit in Irland
Wir genießen die erste Adventszeit in Irland. Auch im Blog, wo wir unsere 24 ‘anderen’ Weihnachtslieder vorstellen, und ein sehr positives Echo ernten. Unser Skoda kommt im vierten Anlauf endlich durch den NCT, und überhaupt ist das Thema Auto ein Beherrschendes. Ich habe einen ordentlichen Dreher und viel Glück dabei, und ein Ire rammt unser stehendes Auto und ist sich dabei irgendwie gar keiner Schuld bewusst.
Wichtigstes Thema im Dezember aber: Andrea beginnt ihren neuen Job. Und ist damit glücklich. Herz, was willst Du mehr.
Und es gibt massenhaft österreichische Backwaren zur Adventszeit, die auf Erstaunen und auf Bewunderung gleichzeitig im Umfeld stoßen.
Und eben diesen Dezember wrden wir heute abend ganz gemütlich in trauter Zweisamkeit ausklingen lassen.
So, das war mein kleiner, persönlicher Rückblick auf 2009. Wie gesagt, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit. Aber eines kann man zusammenfassen: Es ist “Vill passiert sickher”, seit wir vor heute auf den Tag genau einem Jahr auf der Insel aufgeschlagen sind. (Ich war ja vorher alleine hier). Und es wird auch im neuen Jahr(zehnt) viel passieren, da mache ich mir keine Illusionen. Aber hoffentlich überwiegend Gutes.
Ein Gutes Neues euch allen – wir lesen uns am 4. Jänner 2010 wieder.
Ach ja, noch was an dieser Stelle: Einmal ein lieber Gruß an die Familien daheim in Österreich. Danke für Eure Unterstützung mit Care-Paketen, Worten und Taten - ich weiß ihr denkt immer noch, dass wir verrückt waren nach Irland auszuwandern, aber für uns war es der richtige Schritt.


















