Nach mehr als einem Jahr Arbeitsalltag auf der schönen grünen Insel ist es nun einmal an der Zeit, die Arbeit hier in Irland ein wenig mit der Arbeit in der alten Heimat zu vergleichen. Da das ein umfangreiches Unterfangen ist, habe ich es in mehrere Teile unterteilt, die in den nächsten Tagen und Wochen hier zu lesen sein werden. Eines gleich vorweg: Es handelt sich hierbei um rein subjektive Erfahrungen, die weder Leitfaden für andere Auswanderungswillige darstellen noch irgendwelche Tipps beinhalten. Denn wie das generelle Leben ist auch das Arbeitsleben hier wie dort nicht vergleichbar, und von Individuum zu Individuum oft sehr verschieden.
Teil I: Out in the fields - Der Außendienst in IrlandTeil meines zum Glück sehr umfang- und abwechslungsreichen Arbeitsfeldes ist der Außendienst (für alle die es noch nicht hier gelesen haben, ich arbeite im Druck- und Designgewerbe). Ein bis zwei Tage die Woche bin ich 'out of the office', um Kunden zu besuchen. In den seltensten Fällen sind das Neukunden, meistens bestehende. Dabei gibt es einige gravierende Unterschiede zur vergleichbaren Tätigkeit in Österreich.
1. Der fahrbare Untersatz.Anders als von Österreich gewohnt, fahre ich hier alle Dienstfahrten mit meinem privaten Fahrzeug. Dienstautos sind - wohl auch aus Kostengründen - hier auf der Insel nicht so verbreitet. Dafür gibt es eine monatliche Car Allowance zur Abdeckung von Unkosten wie Sprit und Versicherung. Ich fahre so eigentlich besser, auch wenn es kein Kilometergeld gibt. Dafür brauche ich aber weder ein Fahrtenbuch zu führen, noch muss ich privat gefahrene Strecken oft mühsam in die Firmenwege hinein jonglieren.
2. Die Termine selberKundentermine laufen hier auf der Insel - so meine Wahrnehmung - entspannter ab als in Österreich. Man hat weniger das Gefühl, der Bittsteller eines Lieferanten zu sein, sondern mehr der willkommene Partner, der auch geschätzt wird. Vielleicht mag dieser Umstand auch damit zusammen hängen, dass die Kunden jetzt hier "größer" sind, also höhere Umsatzzahlen schreiben. Mir ist aufgefallen, dass sich irische Einkäufer früher beraten lassen als woanders, zumal sie auch oft materienfremd sind, und auf die Ratschläge und den Support des Lieferanten mehr angewiesen als woanders. Die Termine laufen in freundschaftlicher Atmosphäre ab, sind oft eher mit Kaffeekränzchen zu vergleichen als mit Arbeitsbesprechungen. Das allgemein übliche "Du" trägt da natürlich sein Schärflein dazu bei.
Viel wichtiger als woanders sind hier auf der Insel die Empfehlungen anderer Firmen. Wichtigster Bestandteil - auch bei schon bestehenden Kunden - der Ausrüstung des "Verkäufers" ist die Mappe mit Empfehlungsschreiben anderer Kunden, diese werden auch gerne stichprobenartig überprüft - das schafft dem Käufer ein ruhiges Gewissen. Gut so.
Pünktlichkeit ist eher Nebensache, auch wenn hier Besserung in Sicht ist. Sehr selten findet man einen Gesprächspartner zur vereinbarten Zeit am vereinbarten Ort bereits wartend und bestens vorbereitet vor. Aber: That's irish.
3. Die schlagkräftigen ArgumenteIn den letzten Jahren in Österreich war das mit Abstand wichtigste Verlaufsargument der beste Preis. Qualität und Pünktlichkeit wurden ohnedies vorausgesetzt. Das ist in Irland (noch) anders. Zwar merkt man in den letzten Monaten natürlich ein vermehrtes Augenmerk auf die Preisgestaltung (sicherlich auch rezessionsbedingt), dennoch zählen hier auch noch andere Werte wie Pünktlichkeit der Lieferung und Qualität (diese ist hierzulande nicht immer als selbstverständlich anzusehen). Und vor allem das vermittelte Gefühl, das man weiß, wovon man spricht. Irische Einkäufer wollen sich nach der Auftragsvergabe um nichts mehr sorgen, und schieben den Ball früher zum Lieferanten ab, als woanders. Und haben - bei rechtzeitiger Information - auch weniger Probleme mit einer kurzfristigen Lieferverzögerung als zB in Österreich. Auch Zusatzleistungen wie Verpackung, Grafik oder Eilzuschläge werden hier noch mehr honoriert als woanders. Dazu ist auch anzumerken, dass die Spannen hierzulande (zumindest in unserem Gewerbe) trotz Rezession und Price Dropping noch immer doppelt so hoch sind wie woanders.
4. Die NachbetreuungWoanders selbstverständlich, hierzulande noch in den Kinderschuhen und mit viel Aufholbedarf: Die Nachbetreuung nach dem Job. Die bestand die letzten Jahrzehnte hier nur aus Schreiben der Rechnung und Hoffen auf Bezahlung.
Als ich die ersten Kunden nach erfolgreichem Auftrag anrief, um festzustellen, ob alles geklappt hat und sie zufrieden wären (ein Akt der Selbstverständlichkeit eigentlich), habe ich äußerst positiv überraschte Gesprächspartner vorgefunden. Als ich meinem Chef vorschlug, mit der Rechnung einen Kundenfragebogen über die Zufriedenheit mitzusenden, hat er mich mit großen Augen angesehen. Mittlerweile liegt dieser Fragebogen jeder Rechnung bei, und 30 Prozent davon werden auch beantwortet (ein Hammerwert im Vergleich). Und wir merken schon einen höheren Wiederkehreranteil der Kunden, und haben auch bereits einige Nachahmer bei der Konkurrenz gefunden ;-)
5. Das FazitAußendienst in Irland ist vergleichsweise relaxter als in Österreich. Wenn auch unser Segment sehr hart umkämpft ist zur Zeit, da viele Mitbewerber im Überlebenskampf sind und alteingesessene Strukturen erstmals überdenken, so ist es hier doch angenehmer, nicht nur als Bittsteller, sondern als Partner unterwegs zu sein - bezogen auf den Dubliner Raum wohlgemerkt. Ich habe keine Erfahrungen mit dem Verkauf in anderen Counties, weil ich ja hauptsächlich doch noch im Büro sitze, und nicht den ganzen Tag unterwegs bin.
Soweit einige Gedanken zum Außendienst in Irland, in Kürze gibts hier Ausführliches zum Büroalltag in Tallaght.
Schönen Feiertag nach Österreich und Irland, und schönen Montag in die anderen mitlesenden Länder :-)