Bei uns am Ende der Welt findet man immer wieder Hitchhiker, die den langen Marsch um die Blessington Lakes mittels Autostopp etwas abkuerzen wollen. Und diese nehme ich gerne mal mit, und hoere mir ihre Geschichten an.
Nachdem das "Problem" mit dem Einsteigen-wollen auf der falschen Seite ja mittlerweile Geschichte ist (langsam gewoehne ich mich an den ersten eigenen Rechtslenker meines Lebens), spare ich mir wenigstens mittlerweile die vielen Erklaerungen, warum das Lenkrad bei mir auf der falschen Seite ist ;-)
Heute morgen, auf dem Weg in die Arbeit: Es beginnt grade heftig zu schuetten, und auf halber Strecke auf dem LakeDrive sehe ich John. Es ist nicht das erste Mal, dass ich ihn mitnehme. Er schafft es, um zehn Uhr morgens schon leicht angetrunken zu sein, aber dennoch immer hoeflich, zuvorkommend, und unheimlich dankbar fuer die paar Meter, die ich ihn mitnehme. Heute war die Wegstrecke etwas laenger, und John hat mir ein wenig von seiner Lebensgeschichte erzaehlt, bevor ich ihn beim Wirt seines Vertrauens (mittlerweile weiss ich schon welcher) abgesetzt habe, wo er seinen Samstag auf seine eigene Art geniessen wird.
John ist vor 30 Jahren zum ersten Mal in Blessington gewesen. Auf der Hochzeit eines Freundes. Und hat dort die Liebe seines Lebens kennen gelernt. Er ist geblieben. Und mittlerweile drei Jahrzehnte ein Einwohner der Ortschaft Lacken, direkt am See. Und es gefaellt ihm hier. Und er wartet hier nach trauriger Eigendefinition auf das Ende. Das sagt er mit klaren Worten, ohne jeden Anflug von Sentimentalitaet oder Depression. Er will hier nicht mehr weg.
Seine Frau lebt schon seit einigen Jahren nicht mehr, und sein bester Freund hat sich vor wenigen Wochen hier im See das Leben genommen, nachdem er von einer schweren Krankheit erfuhr.
Aber John jammert nicht darueber, er sagt selber, er freut sich ueber jeden Tag. Arbeit hat er schon lange keine mehr, aber er kommt ueber die Runden. Und es reicht fuer woechentliche Pubbesuche, bei denen er - vorbildhaft - das Auto daheim im Schuppen laesst. Und sich auf die Freundlichkeit anderer Autofahrer verlaesst, um hin und her zu kommen.
Bei seiner Geschichte (die im Uebrigen leider sehr glaubhaft ist) verwunderlich: John ist nicht verbittert, er ist nicht verhaermt. Im Gegenteil: Er hat immer einen Scherz auf den Lippen, und kann es nach wie vor nicht ganz verstehen, dass Menschen gerade in diese Gegend, gerade in dieses Land ziehen. Trotz aller Erklaerungsversuche meinerseits: John sagt immer:
"You really like us mad Irish?" Und kann meine Bejahung fast nicht glauben.
Er ist ein feiner Mensch. Zwar mit einem groeberen Alkoholproblem, but who cares?
Und so habe ich ihm heute schon versprochen, auch naechsten Samstag wieder in die Arbeit zu fahren, und ihn ein Stueck mitzunehmen. Er hat mir dann sein Haus gezeigt, und gesagt, ich soll einfach hupen, wenn ich da bin. Und sich tausendmal bedankt.
Es sind oft die kleinen, belanglosen Stories ueber dieses Land und seine Menschen, die ich dann tagelang in mir trage, und sie auch hin und wieder mit Euch teilen will.
Eine interessante Lebensgeschichte, gehoert just am ersten Jahrestag meiner Ankunft in Irland. Seit 365 Tagen bin ich jetzt Wahlire. Und ja, ich kann das feiern :)
Schoenes Wochenende!